Wer braucht das alles?

Ich gehörte noch nie zu denjenigen, für die Shopping das Größte war, aber nichtdestotrotz habe ich gerne eingekauft. Ich war immer gerne „in der Stadt“ unterwegs, habe mich gefreut, wenn ich Schönes (und Nützliches) gefunden habe und nach Hause tragen konnte.

Mittlerweile aber stehe ich eher verwirrt in den Geschäften herum. Wer braucht das alles? Warum geht alle Welt ständig in Läden und kauft, kauft, kauft? Ich rede hier nicht von frischem Brot, Butter oder einer neuen Packung Nudeln. Ich rede von T-Shirts, CDs, Dekokram, Büchern, Möbeln, Tablets.

Stichwort Klamotten: Ich habe etwa  zehn T-Shirts, die ich wirklich gerne und sehr regelmäßig trage. Aber obwohl ich gründlich ausgemistet habe, habe ich natürlich mehr als diese zehn im Schrank. Deutlich mehr. Und obwohl ich wirklich keine neuen T-Shirts brauche, kann ich kaum an einem Geschäft vorbeigehen ohne den Gedanken „Oh, DAS ist ja schön, vielleicht…“ Bücher sind auch so ein Thema. Obwohl ich immer, wirklich immer ein paar zu Hause liegen habe, die ich noch lesen möchte, komme ich an keinem Buchladen vorbei, ohne nicht mindestens kurz zu zucken und zu denken „Oh, DAS sieht aber spannend aus, vielleicht…“ Von Küchenutensilien will ich hier gar nicht reden. Verrückt, oder?

Warum ist das so? Warum gehen wir shoppen, obwohl wir mehr als genug zu Hause haben? Warum kaufen wir Sachen, die wir gar nicht brauchen und die wir in manchen Fällen nicht ein einziges Mal nutzen?

Ich finde das (mittlerweile) aus mehreren Gründen seltsam:

1. All diese Dinge (die wir nicht brauchen und teils auch gar nicht nutzen) kosten Geld. Geld, für das wir arbeiten gehen. Jeden Tag. Und in der Mittagspause reden wir mit den Kollegen über das, was wir gerne tun würden, wenn wir mehr Zeit hätten.

2. All diese Dinge (die wir nicht brauchen und teils auch gar nicht nutzen), kosten uns Zeit. Wir kaufen sie ein, tragen sie nach Hause, bauen sie teilweise noch selber zusammen. Und auch danach kosten sie uns Zeit. Wir waschen sie, stauben sie ab, räumen sie auf…

3. All diese Dinge (die wir nicht brauchen und teils auch gar nicht nutzen), verbrauchen Ressourcen. Für die Produktion von 1 Kilogramm Baumwolle werden rund 11.000 Liter Wasser benötigt. Meine Lederstiefel waren früher die Haut eines Tieres. Meine Bücher waren früher Bäume. Und sowohl die Rohstoffe wie die fertigen Produkte wurden um die halbe Welt transportiert.

4. All diese Dinge (die wir nicht brauchen und teils auch gar nicht nutzen), wurden von Menschen irgendwo produziert. Seit dem Fabrikeinsturz in Kambodscha im April 2013 wird viel über die Arbeitsbedingungen der Näherinnen geredet (und wer mehr dazu wissen will, dem empfehle ich die Videodokumentation „Sweatshop – Deadly Fashion“ der norwegische Zeitung Aftenposten – Achtung, schwere Kost!). Aber trotzdem rennen die Menschen Primark & Co die Bude ein. Auch andere Produkte, die für uns völlig normal sind, sind für ihre Produzenten unerreichbar oder zumindest großer Luxus. Schokolade zum Beispiel. Ja, unser Konsum schafft auch Arbeitsplätze. Aber unter welchen Bedingungen?

5. All diese Dinge (die wir nicht brauchen und teils auch gar nicht nutzen), müssen wir irgendwann entsorgen. Entweder mit dem Müll in die Tonne werfen oder zum Wertstoffhof bringen oder in den Altkleidercontainer oder weiterverkaufen oder… Und wenn sie bei uns weg sind, sind sie ja nicht in Luft aufgelöst, sondern müssen verbuddelt, verbrannt, eingeschmolzen oder sonstwas werden.

Je länger ich über all das nachdenke, desto wütender werde ich. Auf mich. Auf die Werbung. Auf unsere „mein Haus, mein Auto, meine Gucci-Tasche“-Mentalität. Und ich fühle, dass weniger Konsum eine ganze Reihe von Problemen löst.

  • Wenn ich weniger kaufe, brauche ich weniger Geld, muss weniger Arbeiten, habe mehr Zeit.
  • Wenn ich weniger kaufe, brauche ich weniger Raum, muss weniger Miete bezahlen, muss weniger Arbeiten, habe mehr Zeit.
  • Wenn ich weniger kaufe, muss ich mich um weniger Dinge kümmern (einkaufen, waschen, aufräumen, entsorgen), habe mehr Zeit.
  • Wenn ich weniger kaufe, kann ich bei den einzelnen Produkten mehr auf Qualität achten, auf Fairtrade, auf Bio, auf menschenwürdige Produktionsbedingungen.

Vieles brauche ich vielleicht gar nicht. Von manchem reicht mir weniger. Manches kann ich mir mit jemandem teilen oder bei Bedarf leihen. Und obwohl mir das alles mittlerweile (schmerzlich) bewusst ist, habe ich immer noch diesen „Oh, DAS ist ja schön, vielleicht…“-Impuls.

Warum kaufen wir also? Brauchen wir etwas? Wollen wir es nicht vielmehr manchmal einfach haben? Ist der Einkauf Ersatzhandlung für etwas anderes? Für was? Vielleicht hilft es, wenn wir uns diese Fragen stellen, bevor wir an der Kasse bezahlen.

Ich für mich wage erst mal ein Experiment: Drei Monate, ohne etwas für mich zu kaufen. Dazu zählen natürlich nicht Verbrauchssachen wie Lebensmittel oder Zahnpasta. Aber alles, was hier bleiben möchte: Bücher, Kleidung, Küchenutensilien… Angefangen habe ich Anfang Januar und bis jetzt hatte ich keine Probleme. Aber wer weiß, was noch kommt. Ich werde berichten.

4 Gedanken zu “Wer braucht das alles?

  1. Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Gedankenloses Nebenherkaufen hat eben diesen Effekt. Trotzdem es gibt für mich Dinge/Käufe, die einen glücklich(er) machen können. Vor zwei Jahren habe ich mir z.B. ein recht teures Fahrrad gekauft, das erste wirklich selbst ausgesuchte und eigene. Ich freue mich auch heute noch jedes Mal, wenn ich draufsteige. 🙂

    Ich bin mittlerweile ein großer Freund von Wunschlisten. Dort sammle ich alle Wünsche und lass sie erstmal ruhen. Wenn sie sich wieder melden, bekommen sie eine Chance. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie entweder gebraucht werden oder glücklich machen, ist dann einfach höher… eine Wunsch-Assessment-Center quasi 😉

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    1. Ja, da hast Du natürlich Recht! Wunschlisten finde ich toll!

      Lustigerweise ist das Fahrrad auch eines der Beispiele, die mir für mich einfallen. Und gar nicht lustigerweise ist mir das vor Weihnachten geklaut worden. Das Neue wird sicherlich meine erste Anschaffung nach meinem 3-Monats-Experiment 😉

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