Off Topic (oder auch nicht): „Nüchtern“

Bild: Hanser Berlin

Alkohol und Alkoholprobleme sind normalerweise nicht das Thema dieses Blogs. Dennoch möchte ich Euch ein Buch darüber vorstellen. Denn abgesehen davon, dass es es ein unglaublich gutes Buch ist, ist hier „weniger“ (bzw. gar nichts!) eindeutig „mehr Leben“ – oder sogar das Überleben. Man kann viel davon lernen!

Auf „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“ bin ich über Umwege gestoßen, auf der Suche nach einem anderen Buch von Daniel Schreiber, das ich bestellen wollte. Dabei schwärmte die Buchhändlerin von „Nüchtern“ und ich nahm es mit. Eigentlich hatte ich einen Roman erwartet und war dann überrascht von einem klugen, wundervoll zu lesenden Essay über das halbe Glas Wein am Abend, über volltrunkene Gesellschaften, über die Ursachen und vor allem die Wirkung der Krankheit Alkoholismus. Über die Erkenntnis, dass Alkoholismus keine schlechte Angewohnheit ist, die man mit ein bisschen Konsequenz einfach ablegen kann – und wie es dennoch gelingen kann, nüchtern zu bleiben.

Daniel Schreiber macht klar, dass Alkoholismus nicht erst dann beginnt, wenn man schon morgens zu trinken anfängt und jeder Abend im Vollrausch endet. Er beginnt viel früher und viel subtiler und vor allem gesellschaftlich akzeptierter. Er beschreibt auch deutlich, wie omnipräsent Alkohol in unserer Gesellschaft ist. Kein Erfolg ohne „darauf anzustoßen“, keine Feier, kein Restaurantbesuch ohne Alkohol. Wer ablehnt, ist entweder FahrerIn oder schwanger. Andere Gründe, gar nicht zu trinken, werden schwer akzeptiert („…und dass mir hier keiner nüchtern rausgeht!“).

Dementsprechend groß ist das Stigma, das trockene Alkoholiker mit sich herumtragen – und das finde ich auch aus der Perspektive dieses Blogs spannend: Warum ist es so verpöhnt, wenn jemand etwas anders macht als die Mehrheit? Das provoziert in der Regel entweder Abscheu, Mitleid oder Neid. Wieso empfinden wir den nicht-trinkenden Alkoholiker als „Spaßbremse“?

Mich hat das Buch tief berührt. Auch ich hatte im Leben Phasen, in denen ich eindeutig zu viel getrunken habe. Und ich weiß nicht, wo ich heute stünde, hätte ich mit diesem Leben weitergemacht (da kamen ein paar Schwangerschaften und Kinder dazwischen) oder wäre ich anfälliger für diese Form von Sucht.

Und Ihr? Was denkt Ihr dazu?

Autorenfoto (c) Christian Werner

PS: Daniel Schreiber: Nüchtern (ISBN 978-3-446-24650-8) – am liebsten aus der kleinen Buchhandlung ums Eck.

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